Wenn die Nacht den Tag verändert
Heute Nacht träumte ich von einem Wald. Ein Weg führte von Schriesheim nach Schönau. Ich wollte ihn gehen. Doch ein Teil meines Unterbewusstseins stellte sich mir in den Weg: „Hier geht es nicht lang. Bauarbeiten!“ Der Wald dahinter war abgesperrt mit schwarz-gelben Flatterband. Ich wusste: dort lebten Wildscheine und Bäume wurden gefällt. Es war gefährlich. Ich nahm die Warnung erst und ärgerte mich aber gleichzeitig, dass ich nun einen endlosen Weg außenrum nehmen musste.
Als ich aufwachte, wollte ich wie immer wissen, was dieser Traum bedeutet. Doch da ich schon lange nicht mehr in Traumlexikas lesen, machte ich mir meine eigenen Gedanken.
Die Frage, was ihr Traum bedeutet, stellen mir viele Menschen. Für mich ist sie mittlerweile auf zwei Arten zu beantworten .“Möchten sie die Standard-Erklärung oder wollen sie echte Veränderung?“ Meinst fragt man mich nach ersterem, weil das Zweite sehr persönlich wird, und eigentlich in ein 1:1-Coaching gehört.
Hier möchte ich also zeigen, was zweites macht. Denn die Frage, was der Traum bedeutet, ist erst der Anfang zu dem was Traumarbeit wirklich bewirken kann!
Denn Träume, gerade solche, an die man sich erinnert und die man einen Tag, manchmal eine Woche und wieder andere ein ganzes Leben mit sich herumschleppt, sind mitunter gar nicht die Antworten, sondern das Werkzeug für eine innere Frage, die eine Entwicklung auslösen kann.
Was bedeutet mein Traum?
Wir leben in einer Zeit, in der alles sofort erklärt werden soll. Also googlen die meisten. Die Symbole werden nachgeschlagen. Ein Bild entschlüsselt, z.B.

Wald = Unterbewusstsein.
Weg = Lebensweg.
Kloster = Spiritualität.
Ok, denkt man sich, hier versperrt mir also mein Unterbewusstsein den Weg zu einem spirituellen Teil. Schön. Aber was mache ich jetzt mit dieser Information? Nehmen wir an, diese Deutung stimmt sogar. Was verändert sie? Morgen wache ich auf und weiß: Der Wald steht für mein Unterbewusstsein. Und nun?
Der Traum ist erklärt, aber mein Ärger ist noch da. Meine Ungeduld ist noch da. Meine Unsicherheit ist noch da. Genau hier beginnt für mich die eigentliche Traumarbeit. Nicht bei der Frage: „Was bedeutet der Wald?“, sondern bei der Frage: „Warum berührt mich dieser Wald so sehr?“ oder „Warum dieser Ärger?“
Denn die Symbolik erklärt den Traum. Die Emotion erklären den Menschen – mich.
Die Symbolik erklärt den Traum, die Emotion erklärt den Menschen
Was wäre also, wenn wir nicht den Traum betrachten, sondern das Gefühl, das er hinterlässt?
Und hier wird es spannend, denn wir beschäftigen und oft mit dem Traum an sich, aber nicht mit unseren Emotionen im Traum, die überspringen wir gern, weil es unbequem ist, und weil wir ehrliche sein müssen.
Der Traum endete mit Ärger
Mein Ärger rührte daher, dass ich neugierig bin. Ich will gern wissen, wie Dinge funktionieren – alte Naturwissenschafler-Angewohnheit. Und mich ärgerte der Umstand, dass ich nun mühsam außen herum laufen musste. Keine Ahnung wie lange ich dafür brauchen würde und ob es überhaupt einen Weg gab. Mein Ärger zeigte also zwei meiner Eigenschaften: Neugier und Ungeduld. Vielleicht auch eine gewisse Frustrationsintoleranz, wobei ich da schon auf einem sehr guten Weg bin.
Der Traum endete also genau damit: Ärger. Seine Wirkung begann dann am Tag.
Die Frage hinter dem Traum
Der Waldtraum hat mir keine Antwort gegeben. Er hat eine Frage gestellt: Warum macht es mich so unruhig, nicht zu wissen, was hinter dem Absperrband geschieht?
Im Laufe des Tages veränderte sich die Frage. Aus „Warum darf ich da nicht hinein?“ wurde: „Kann ich warten?“ Dazwischen lagen einige Gedankengänge und 3 Stunden Zeit.
Vom Verstehen zum Vertrauen
Und plötzlich ging es nicht mehr um den Wald, oder die Absperrung oder den Weg zum Kloster. Sondern um Vertrauen. Um Vertrauen in den Prozess, Vertrauen in mich selbst und, ja, vielleicht auch Vertrauen in Gott. Und plötzlich tat sich mit ein Bild auf: Ich sah mich wieder vor der Absperrung im Wald und kniete mich hinunter auf den Waldboden, faltet die Hände im Schoß zusammen und … wartete. In in dem Moment wusste ich, dass ich so lange warten konnte, wie es dauerte, wieder Zugang zu diesem Stück zu haben und das erfüllte mich mit einer ungemeinen Ruhe.
Manche Träume lassen uns nicht los. Vielleicht genau deshalb: Nicht weil wir ihre Bedeutung noch nicht verstanden haben, sondern weil wir die Frage dahinter noch nicht beantwortet haben.
Manche Träume sind Aufgaben
Und vielleicht liegt darin die eigentliche Weisheit des Träumens: Ein Traum muss nicht alles sagen, er mag orakelhaft bleiben und in der Traumdeutung zu einen Ergebnis kommen, dass uns irgendwie nicht trifft. Aber vielleicht muss er nur eine Tür im Wachdenken öffnen und unser Wachbewusstsein dazu bringen, etwas weiterzuführen, das der Traum begonnen hat. Manche Träume sind Aufgaben, die uns unser Unterbewusstsein gibt, keine Antworten. Für einen Stress-Coach wie mich, war das eine sehr heilsame Erfahrung, denn trotz aller Tools und Tricks, trotz aller individuellen Ernährungsstellschrauben die sich schon gedreht haben, war dieser Traum etwas das mich zutiefst geerdet hat. Und wo Vertrauen wächst, hat Stress kaum mehr eine Chance.
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