Das Gehirn legt nachts Probleme frei

Wie Träume uns beim Denken helfen – und was eine geträumte Wohnung mit einem Pachtvertrag zu tun hat

Träume helfen beim Denken, wirklich! Manchmal lösen sie kein Problem, sondern zeigen uns erst, dass wir überhaupt eines haben. Manchmal löst ein Traum kein Problem. Er zeigt uns erst, dass wir eines haben. Klingt verrückt? Achte mal drauf, wenn du aufwachst: Was hast du geträumt und was war dein erster Gedanke der dem Tag gehörte? Ein Beispiel von mir:

Heute Nacht suchte ich im Traum eine Wohnung. Ich fand eine kleine, gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung, aus der gerade jemand auszog. Sie war nett eingerichtet und hatte sogar zwei kleine Terrassen oder Gärten. Eigentlich war sie wirklich schnuffig.

Allerdings gab es in der Wohnung eine merkwürdige Wölbung. Diese Wölbung war verputzt, als läge darunter ein dickes Rohr oder ein Reifen. Genau an dieser Stelle würde es im Winter schimmeln. Im Sommer konnte man den Schimmel noch nicht sehen, aber ich wusste, dass er kommen und mich krank machen würde.

Als Biologin und Schimmelsachverständige, hätte ich sogar gewusst, was man dagegen tun könnte.

Trotzdem konnte ich mich im Traum nicht entscheiden. Meine bisherige Wohnung und die neue Wohnung schnitten bei meiner inneren Abwägung genau gleich ab: 1:1. Keine war eindeutig besser.

Ich rief die Vermieterin nicht an. Vielleicht, weil ich Angst vor der Entscheidung hatte oder auch, weil ich noch keine eindeutige Antwort hatte. Dabei hätte ich zunächst einfach einen Besichtigungstermin vereinbaren und mir die merkwürdige Wölbung genauer ansehen können.

Stattdessen rief eine Freundin an, der ich die Wohnung auch empfohlen hatte. Sie bekam die Wohnung, zog ein und stellte ihre Vasen und kleinen Dinge auf den Kaminsims. Nun sah die Wohnung noch gemütlicher aus.

Und plötzlich ärgerte ich mich.

Warum hatte ich diese Wohnung nicht genommen?

War sie den Preis nicht doch wert gewesen?

Und was war eigentlich mit dem Schimmel?

Der erste Gedanke nach dem Aufwachen

Nach diesem Traum wachte ich auf. Mein erster Gedanke den ich fürs Wachleben im Kopf hatte:

Wenn die neuen Pächter die Terrasse der Strahlenburg pachtet – darf ich dort dann überhaupt noch Bildungsangebote dort durchführen? Wie ist das mit den Möbeln? Den Zeiten? Und der Sicherheit?

Man muss dazu erklären: Ich bin Mitglied der ehrenamtlichen Stiftung Strahlenburg. Und damit war die Übersetzung des Traumes praktisch schon geliefert.

Bei uns auf der Burg soll die Terrasse gastronomisch verpachtet werden. Gleichzeitig möchte die Stiftung dort Führungen, Ferienspiele und zukünftig weitere Bildungsangebote durchführen. Aktuell suche ich dafür Fördergelder zusammen, schreibe Anträge, Konzepte und führe erste Pilotprojekte dort durch. Auf dem Papier klingt das zunächst vereinbar: Gastronomie auf der einen Seite, Bildung auf der anderen.

In der Praxis benutzen aber beide dieselben Räume, Wege, Toiletten und möglicherweise auch dieselben Möbel.

Bild: Träume helfen beim Denken: Dieser Traum machte ein reales Problem sichtbar, das ich sonst so schnell nicht auf dem Schirm gehabt hätte. Im Traum war die Burg eine 2-Zimmer-Wohnung.

Plötzlich war die Wohnung aus meinem Traum keine beliebige Wohnung mehr.

Wenn aus einer Burg eine 2-Zimmer-Wohnung wird

Die beiden kleinen Gärten im Traum erinnerten an die reale Terrassenfläche. Die Freundin hatte angerufen, bekam den Raum und richtete ihn nach ihren Vorstellungen ein. So wie ein Pächter eine Terrasse mit ihren Tischen, Stühlen, Theken oder Lounge-Möbeln einrichtet.

Die verputzte Wölbung stand für ein Problem, das im ersten Moment noch gar nicht sichtbar sein muss. Solange der Betrieb klein ist und die Bildungsangebote überschaubar bleiben, sieht alles gut aus. Erst später zeigt sich möglicherweise der „Schimmel“:

Und genau an der Stelle, half der Traum mir beim Denken. Denn es kamen Fragen wie: Dürfen wir die Terrassenmöbel benutzen? Was geschieht, wenn dort empfindliche Lounge-Möbel stehen, die für Kinder, Bastelangebote, Farben, Kräuterbutter und mittelalterliches Handwerk völlig ungeeignet sind?

Wie gelangen Kinder sicher durch den Burginnenhof, wenn dort morgens Lieferfahrzeuge rangieren?

Was passiert bei Regen, wenn eine Kindergruppe nach innen ausweichen muss und dabei durch den gastronomisch genutzten Bereich zu den Toiletten läuft?

Wie trennen wir Kindergruppen von enthemmten oder möglicherweise übergriffigen Gästen? In 99 Prozent aller Fälle wird das vermutlich überhaupt kein Problem sein. Ein Kinderschutzkonzept brauchen wir aber genau für das eine Prozent.

Was geschieht mit Führungen, wenn im den wenigen historisch Burgteilen die heute noch stehen später eine Theke steht? Es ist schließlich etwas anderes, aus der Entfernung auf einen Bereich zu zeigen oder mit einer Gruppe dort zu stehen und zu sagen:

Da, wo ihr jetzt steht, befand sich möglicherweise einmal die Küche des Palas.

Und wie werden Kinderschutz, Lärmschutz, Naturschutz und Denkmalschutz mit dem Gastronomiebetrieb verbunden?

Diese Fragen waren nicht neu. Aber sie lagen noch ungeordnet in meinem Kopf. Der Traum baute daraus eine Wohnung und zeigte mir noch mal die Probleme, die es zukünftig zu lösen gibt.

Träume sprechen nicht in Vertragsklauseln

Mein Gehirn hätte mir natürlich auch eine sauber gegliederte Liste präsentieren können:

  1. Nutzung der Terrasse klären.
  2. Mobiliar vertraglich regeln.
  3. Lieferverkehr in das Kinderschutzkonzept aufnehmen.
  4. Zugang zu historisch wichtigen Bereichen sichern.
  5. Probevertrag mit Anpassungsmöglichkeit vereinbaren.

Hat es aber nicht.

Stattdessen bekam ich eine schnuffige Wohnung, zwei kleine Gärten, eine Wölbung unter dem Putz, unsichtbaren Schimmel und eine Freundin, die schneller bei der Vermieterin anrief als ich.

Das wirkt umständlich. Gleichzeitig leistet dieses Bild etwas, was eine nüchterne Liste nicht leisten kann: Es macht den inneren Konflikt fühlbar. Und wenn ich mich nun damit beschäftige, dann verankert sich das in meinem Gehirn, sprich: Ich habe das Problem auf dem Schirm und mein Gehirn kann weiter daran arbeiten und eine Lösung finden.

Das ist die Aufgabe von Träumen: Verankerung. Da ist aber auch der verborgene strukturelle Mangel und mein Wissen, mit dem ich das Problem möglicherweise lösen könnte. Und da ist die Angst, nicht rechtzeitig zu handeln und später vor einem längst vergebenen Raum zu stehen.

Träume helfen beim Denken, aber sie nehmen einem das Denken nicht ab. Der Traum hat mir nicht gesagt, ob die Verpachtung gut oder schlecht ist. Er hat auch nicht vorhergesagt, dass es Konflikte geben wird. Er hat etwas anderes getan: Er hat eine noch diffuse Sorge so deutlich dargestellt, dass ich sie nach dem Aufwachen nicht mehr übersehen konnte.

Was geschieht beim Träumen im Gehirn?

Auch im Schlaf ist unser Gehirn nicht untätig. Erfahrungen des Tages werden reaktiviert, miteinander verbunden, gewichtet und in bereits vorhandene Gedächtnisinhalte eingeordnet.

Dabei entstehen keine ordentlichen Sitzungsprotokolle. Aktuelle Sorgen können sich mit älteren Erinnerungen, vertrauten Orten, Gefühlen und Bildern verbinden. Deshalb erscheinen reale Probleme im Traum häufig verwandelt: als Wohnung, Reise, Prüfung, verlorener Gegenstand oder versperrter Weg.

Laborstudien liefern Hinweise darauf, dass Trauminhalte mit solchen Gedächtnisprozessen zusammenhängen können. In einer Untersuchung lernten Versuchspersonen, sich durch ein virtuelles Labyrinth zu bewegen. Diejenigen, bei denen das Labyrinth später in den Traumberichten auftauchte, verbesserten sich beim anschließenden Test besonders deutlich. Das beweist nicht, dass der erinnerte Traum selbst die Verbesserung verursacht hat. Es zeigt aber, dass aufgabenbezogene Trauminhalte mit einer intensiven Verarbeitung des Gelernten während des Schlafes verbunden sein können. Wamsley et al., Current Biology, 2010

In einer anderen Untersuchung verbesserte REM-Schlaf die Fähigkeit, zuvor getrennt gelernte Informationen miteinander zu verknüpfen und für kreative Problemlösungen zu nutzen. Auch daraus folgt nicht, dass jeder Traum eine verborgene geniale Antwort enthält. Es passt aber zu der Vorstellung, dass das schlafende Gehirn bekannte Informationen in neuen Kombinationen ausprobiert. Cai et al., PNAS, 2009

Vielleicht lag die Leistung meines Traumes deshalb weniger in einer fertigen Lösung als in einer ungewöhnlichen Verknüpfung, sondern daran dass der Traum mir beim denken half.

Terrasse, Pacht, Raumnutzung, Entscheidungsangst, verborgene Folgekosten und meine berufliche Erfahrung mit Schimmel wurden zu einer einzigen kleinen Wohnung, ein verdichteter Verarbeitungsraum, wenn man so will.

Keine universelle Symbolsprache

Interessanterweise fand ich anschließend in einem Traumlexikon eine Deutung des Schimmelpilzes, die erstaunlich gut zu meiner Situation passte: Er könne für die Angst stehen, Zeit und Energie in ein Projekt investiert zu haben, das sich am Ende nicht auszahlt oder den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Normalerweise bin ich bei solchen allgemeinen Symboldeutungen vorsichtig, weil sie immer auch etwas von selbsterfüllender Prophezeiung an sich haben. In diesem Fall traf sie jedoch einen empfindlichen Punkt. Ich habe bereits viel Zeit, Fachwissen und Arbeit in die Burg, Führungen und erste Bildungsangebote investiert. Gleichzeitig ist noch keineswegs geklärt, wie daraus ein professioneller Bildungsbereich entstehen soll, der nicht nur anderen Besucher und Einnahmen bringt, sondern auch die Arbeit derjenigen angemessen bezahlt, die ihn entwickeln und durchführen.

Vielleicht bestand der „Schimmel“ deshalb nicht nur aus ungeklärten Vertragsdetails. Vielleicht steckte darin auch die Sorge, dass meine Arbeit einen Ort aufwertet, dessen wirtschaftlicher Nutzen anschließend bei anderen ankommt.

Die persönliche Bedeutung gewichtet Symbolbedeutungen noch mal anders

Allerdings bin ich im Wachleben Schimmelsachverständige. Ich hätte den Mangel nicht nur erkennen, sondern vermutlich auch beurteilen und eine Lösung vorschlagen können. Dadurch bekommt das Traumbild noch eine zweite Bedeutung: Ich bin dem verborgenen Problem nicht hilflos ausgeliefert. Ich muss mein Wissen aber einbringen, bevor jemand die Wohnung übernimmt, seine Vasen auf den Kaminsims stellt und die Wölbung unter dem Putz niemanden mehr interessiert.

Und eine Wohnung bedeutet nicht automatisch immer „die eigene Persönlichkeit“, nur weil es in irgendeinem Traumsymbollexikon so geschrieben steht.

Für jemand anderen hätte dieselbe Wohnung etwas anderes bedeuten können.

Entscheidend waren in meinem Fall meine eigenen Verbindungen:

  • Ich kenne mich fachlich mit Schimmel aus.
  • Ich beschäftige mich gerade mit einem Pachtvertrag.
  • Es geht tatsächlich um eine Terrasse.
  • Ich frage mich, welche Räume für Bildungsangebote verfügbar bleiben.
  • Ich kenne die Erfahrung, lange abzuwägen, während andere bereits handeln.
  • Und unmittelbar nach dem Aufwachen dachte ich an die Burgpächter und meine Bildungsangebote.

Gerade dieser erste Gedanke war wichtiger als jede allgemeine Symboldeutung. Er schlug die Brücke zwischen Traumbild und Wachleben.

Wie ein Traum beim Denken helfen kann

Wenn ein Traum nach dem Aufwachen im Gedächtnis bleibt, kann man ihn zunächst aufschreiben, ohne sofort eine große Deutung daraus machen zu müssen.

Dann helfen einige einfache Fragen:

  • Was war mein erster Gedanke nach dem Aufwachen?
  • Welches Gefühl blieb zurück?
  • Welcher aktuelle Konflikt besitzt eine ähnliche Struktur?
  • Was wusste ich im Traum, obwohl es noch nicht sichtbar war?
  • Wo habe ich nicht gehandelt, obwohl ein kleiner unverbindlicher Schritt möglich gewesen wäre?
  • Welche praktische Frage ergibt sich daraus für mein Wachleben?

Bei meinem Wohnungstraum lautete die praktische Frage nicht:

Soll ich diese Wohnung nehmen?

Sie lautete:

Was muss geklärt werden, bevor die Terrassennutzung langfristig vergeben und eingerichtet ist?

Aus dieser Frage entstand innerhalb kurzer Zeit eine erstaunlich konkrete Liste möglicher Konfliktpunkte für einen zukünftigen Pachtvertrag: Terrassennutzung, Mobiliar, kurzfristige Gruppenanfragen, Lieferverkehr, Kinderschutz, Schlechtwetter, Toilettenzugang, historische Vermittlungsflächen, Lärm-, Natur- und Denkmalschutz sowie ein Probevertrag, der nach ein oder zwei Jahren verändert werden kann, wenn sich einzelne Regelungen nicht bewähren.

Der Traum hat den Vertrag nicht geschrieben, der Traum hat mir beim Denken geholfen, Probleme aufgezeigt, die ich so wahrscheinlich nur nach und nach gesehen hätte oder gar nicht. Er hat mir gezeigt, wo ich genauer hinsehen muss. Ich werde also gut vorbereitet in die nächste Stiftungssitzung gehen. Was man nicht alles ehrenamtlich in der Freizeit macht.

Der Schimmel unter dem Putz

Das vielleicht stärkste Bild des Traumes bleibt für mich die verputzte Wölbung.

Das Problem war noch nicht sichtbar. Es war Sommer. Die Wohnung sah schön aus. Erst unter anderen Bedingungen würde sich zeigen, was unter der Oberfläche lag.

Genau deshalb braucht ein zukünftiger Pachtvertrag eine Erprobungsphase. Nicht weil man dem Pächter misstraut, sondern weil sich manche Konflikte erst im realen Betrieb zeigen. Kein Vorstand kann im Voraus jede Begegnung zwischen Gastronomie, Kindergruppe, Lieferwagen, Regenschauer, Führung, Fledermaus, Denkmalschutz und Kräuterbutter vorhersehen.

Man kann aber vereinbaren, nach einem oder zwei Jahren noch einmal unter den Putz zu schauen.

Und wenn sich dort tatsächlich Feuchtigkeit sammelt, sollte man nicht einfach eine Vase davorstellen.
Wenn dieser Artikel für dich hilfreich war, freue ich mich auf eine kleine Einladung zum Kaffee, und wenn Du selbst gern mehr mit Deinen Träumen arbeiten willst, du auch möchtest, dass dir deine nächtlichen Träume beim Denken helfen, dann schreib mir.

Kaffee für alle!

Gut schlafen heißt nicht, auf Kaffee verzichten zu müssen. Den weltbesten entkoffeiniert Kaffee habe ich dir verlinkt.

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